Geschichte

 

1990 gründen Gisela Höhne und Klaus Erforth für ihren Sohn Moritz, der 1976 mit dem Downsyndrom geboren wurde, im Osten Berlins die Kunstwerkstatt Sonnenuhr e.V. als einen Ort, an dem sich Menschen mit Behinderungen jenseits therapeutischer und pädagogischer Rechtfertigung künstlerisch entfalten können.

Zeiten und Räume werden auf die Bedürfnisse und Talente von Menschen mit Behinderungen organisiert, engagierte Künstler*innen arbeiten unterstützend als Assistent*innen mit. Bald entsteht das Gesamtkunstwerk Sonnenuhr, in dem die Künste und das Theater sich verweben und befruchten, in dem soziale Verantwortung, politische Einmischung und eine neue aufregende Theater-Kunst ihren Platz bekommen. Die Arbeit erfährt in den folgenden Jahren europaweit große Beachtung. Zum ersten Mal wird die künstlerische Ausdrucksweise von Menschen, die in der Akzeptanz der Gesellschaft am Ende stehen, überhaupt als Kunst wahrgenommen.

Am 22.12. 1991 findet im Deutschen Theater die ausverkaufte Premiere des ersten abendfüllenden Theaterstücks „Prinz Weichherz“ statt. Das begeisterte Publikum gibt Standing Ovations. Weitere Vorstellungen im Haus, Gastspiele und eine Einladung zum Theatertreffen der Jugend folgen.

Ab 1992 nennt Gisela Höhne das Theater „RambaZamba“. Mit dem Umzug in die Kulturbrauerei erhält das Theater seine feste Spielstätte. Dort wird es 1993 unter großer Medienbeteiligung mit dem Stück „Ein Winternachtstraum“ (R.: Gisela Höhne) eröffnet. 1994 gründet Klaus Erforth eine zweite Theatergruppe und bringt „Die Verwandlung“ von Kafka zur Premiere. In den folgenden 16 Jahren erarbeitet er parallel zu Gisela Höhnes Gruppe weitere Inszenierungen wie „Woyzzecken“,„Macunaima“, „Endspiel“ und „Die tote Klasse“.

Das RambaZamba entwickelt sich zum Geheimtipp in der Theaterszene. Prominente Theaterkünstler*innen wie Angela Winkler, Eva Mattes, Zadek, Claus Peymann, Achim Freyer, Frank Castorf, Thomas Langhoff, der sein Deutsches Theater über Jahre zur Verfügung stellt, Corinna Kirchhoff, Otto Sander, Uwe Bohm und Meret Becker geben sich die Klinke in die Hand. Bald reicht der Ruf des Theaters als Pionier des integrativen Theaters über Deutschland hinaus.

Mit dem Kultstück „Kaffee, Leben und Tod“, das über 150 Mal gespielt wird, beginnt 1995 die erfolgreiche Gastspieltätigkeit. Das Stück hat großen Erfolg u.a. in Lissabon, Oslo und Basel. Mit „MEDEA – Der tödliche Wettbewerb“ gastiert das Theater am Akademietheater Wien, zum „Theater der Welt“ im Deutschen Theater Berlin, zur Hammoniale in Hamburg und in vielen andere Städten in Deutschland und ganz Europa. Das Stück erhält den Sonderpreis der Jury beim Festival Politik im Freien Theater 1998.

2006 bekommt das Theater den Auftrag von Andre Heller, ein Theaterstück zur Fußball WM zu inszenieren. Gisela Höhne macht ihr Stück „Ein Herz ist kein Fußball“ zu einem Theaterhöhepunkt und tourt damit durch zehn Städte. Das RambaZamba Theater gastiert allein 20 Mal zum Grenzenlos Kultur Festival in Mainz und hat in 30 Jahren über 200 Gastspiele in ganz Deutschland, Paris, Rom, Rotterdam, Zürich, Linz, Graz und anderen Städten Europas.

Von Anfang an werden die Schauspieler*innen am RambaZamba kontinuierlich ausgebildet und trainiert. Professionelle Musiker*innen (u.a. Giora Feidman, Sony Thet, Stefan Dohannetz, Kathy Milleken, Franja), Tänzer*innen (Julie Stanzak aus der Pina Bausch Truppe, Tomy Paasonen) und Schauspieler*innen (u.a. Eva Mattes, Angela Winkler, Bernd Stempel) sind als Gäste in den Stücken oder Revuen dabei und arbeiten mit dem Ensemble zusammen. Viele der RambaZamba Schauspieler*innen werden auch für Film und Fernsehen entdeckt.

Neben künstlerischer Produktivität findet intensivste Lobbyarbeit statt. Ab 2001 erhält das Theater durch einen Beschluss der Abgeordneten eine institutionelle Förderung der Kulturverwaltung Berlin. 2007 endet die große Doppelbelastung der Spieler*innen von Werkstattarbeit und Theaterspiel mit der Einrichtung künstlerischer Arbeitsplätze in den VIA-Werkstätten, die es ihnen durch einen Kooperationsvertrag ermöglicht, nur noch als Schauspieler*innen bei RambaZamba zu arbeiten.

2010 wird das 20-jährige Bestehen des Vereins mit dem Open-Air-Spektakel „Der Frieden – Ein Fest“ (R.: G. Höhne) zusammen mit der Gruppe Kenafayim aus Israel und Teatr Osmego Dnja aus Poznan vor 3000 Zuschauern im Hof der Kulturbrauerei gefeiert. Das Spektakel „Ratten zuhaus bei uns“ der Gruppe unter Klaus Erforth ist Teil des Festes. Anschließend verlässt Erforth den Verein, in dem seine Gruppe zuletzt unter dem Namen Kalibani wirkte. Gislea Höhne leitet das Theater weiter. Kay Langstengel übernimmt die ehemalige Erforth-Gruppe bis 2016.

Gisela Höhne und Klaus Erforth erhalten beide zahlreiche Auszeichnungen, u.a. das Bundesverdienstkreuz und den Berliner Verdienstorden. Höhne erhält für ihr Gesamtwirken in RambaZamba 2014 den Neuberinnen-Preis, zu dem Eva Mattes die Laudatio hält. 2017 übergibt Gisela Höhne die Theaterleitung an ihren Sohn Jacob Höhne.